Gestalten und Versionen

Ein Text zur Ausstellung von Alexander Wolff in der Anne Mosseri-Marlio Galerie, Basel

von Kerstin Cmelka


Wie gehen wir damit um, wenn künstlerische Äußerungen sich kopieren und dabei ihr Medium wechseln? Wenn ein Objekt ein Bild wird oder ein Foto eine Malerei, eine Performance ein Abzug?
In dem folgenden, losen Text möchte ich das Experiment wagen, das reproduzierende Verfahren Druckgrafik mit dem performativen Vervielfältigungstypus Coverversion zu verbinden und so einerseits mir interessant erscheinende Aspekte von Alexander Wolffs Produktionsweise zu beleuchten und andererseits die durch eben diese Arbeit brisant werdende Frage nach der Hierarchie in ihr aufzugreifen und eine mögliche Antwort darauf zu geben.
 
Alexander Wolff verwendet in seiner Ausstellung grafisch-malerische Vervielfältigungsmethoden.
Dabei werden beispielsweise die Einzelteile einer Skulptur als Druckstöcke benutzt, um damit modulartig auf Stoff zu drucken. Diese einzelnen Bestandteile wechseln nach dem Druckvorgang ihre Gestalt und werden zu einer modernistischen Skulptur umgebaut, die sich auch als Display und Aufbewahrungsort von Büchern, Zeitschriften und Musikträgern des Künstlers zeigt und diese wie ein Sender aus der Ausstellung hinaus in die Welt verbreitet.
Oder: Eine Siebdruckvorlage wird wiederholt auf eine, auf dem rauen Straßenboden liegende, vorher getönte Leinwand durchfrottiert, hernach das aus diesem komplexen Oberflächenrelief entstandene Druckergebnis zu einem Bildträger auf Keilrahmen geglättet.
Oder aber: Die Wirkung von Textilfarbe, Schablonendruck und Monotypie wird auf kleinen Stücken Leinwand getestet, die vielversprechensten Stoffstücke daraus dann mittels eines Patchwork-artigen Nähverfahres zu einer neuen Bildkomposition geordnet.
Sowie: Druckformen aller Art (Draht, Holz, Plastik und Stoff) werden mit Farbe eingewalzt, mit Leinwandstoff zu dreidimensionalen Objekten gefaltet, mehrmals durch eine Wäschemangel gepresst und ergeben, wieder aufgefaltet, ein Zeichnung, die, mit Schnitten und Nähten als zusätzliche Kompositionsparameter aufgeladen, ein Bildarrangement aus abstrakter Malerei, Ornament und einer LSD-Variante von Trompe l´oeil generiert.
 
Was ist hier eigentlich der Druck und was der Druckstock? Was die Form und was ihr Träger? Die Skulptur zum Beispiel ist die Druckform für ein Bild/einen Vorhang, oder aber, der raue Straßenasphalt ein öffentlich zugängiger Druckstock, der dann auf ein weiteres Werkzeug, das belichtete Sieb, trifft. Ist in dieser Konsequenz die fotografische Vorlage für diesen Siebdruck - ein Foto der Bäume vor Alexander Wolffs Atelierfenster und eines von einem Badeschwamm auf seinem Wannenrand - nicht auch als eine Coverversion seiner nächsten Umgebung, seiner Realität zu sehen und so die Welt auch als eine Art Druckform für seine künstlerische Äußerung zu verstehen? Und ist Allerlei-durch-eine-Wäschepresse-Mangeln nicht auch so etwas wie eine Performance?

Kommen wir aber erst wieder dahin zurück, was eine Coverversion überhaupt ist:
Ein musikalisches Cover imitiert ein bestehendes Musikstück. Dabei kann es von Interesse sein, dass mehrere Varianten eines Liedthemas gleichzeitig existieren oder aber, dass das Cover in einem kompetitiven Verhältnis zum Original (oder eben zu seinem Vorgänger-Lied) steht, es sich im besten Fall wie ein Deckel auf das vorige drauflegt und es damit nicht nur deckt, sondern auch ablöst. Immer ist ein konstituierender Aspekt des Covers der, dass dem Rezipienten das Original auch bekannt ist. Denn, ist uns ein bestimmtes Lied nicht geläufig, so können wir seine Coverversion gar nicht erst erkennen, geschweige denn beurteilen, ob sie nun an die Qualität des Originals herankommt oder nicht.
Dieses hierarchische Charakteristikum hebt Alexander Wolff in seinen Coververfahren völlig auf. Wichtiger erscheint ihm die erst erwähnte Möglichkeit, nämlich die, möglichst viele Varianten einer Form zu produzieren.
 
Die klassische Druckgrafik zählt die Prinzipien Ab- und Durchdruck (Monotypie, Kontaktkopie, Serigrafie) zu ihren einfachsten Methoden, die daher erst spät als seriöse künstlerische Mittel in ihren Tenor aufgenommen wurden, aber auch den größten technischen Variantenreichtum aufweisen können. Wolff versteht diese grafischen Grundtechniken wie kaum ein zweiter und macht sie zu Königsdisziplinen, indem er sie erforscht, mit ihnen experimentiert und immer wieder neue, komplexe Herstellungs- und Kompositionsstrukturen aus ihnen entwirft, die vorwärts und rückwärts springen sowie sich in alle Richtungen und Ebenen ausbreiten und aus jeder Vervielfältigung wieder ein Unikat machen können: Bildgründe werden mit Pigmentierungen vermischt, Druckverfahren Schicht für Schicht oder alle auf einmal, synchron, in einer choreographischen Anordnung angewandt, unter- oder oberhalb der Druckebene werden dazu malerische Techniken eingesetzt, selbst sowie kommerziell bedruckte Textilien appliziert, Nähte mit Druckstreifen in Beziehung gesetzt, die Leinwand zweimal gedreht, die Wand oft ebenso künstlerisch "behandelt", wie das Bild, das auf ihr hängt, selbst eine Skulptur im Raum wird Teil eines Bildes und umgekehrt und sogar im Fenster hängen welche, durch die man auch noch durchsehen kann und so die Welt als Form, die man sich nur nehmen muss, in den Ausstellungsraum holen kann. Wie ein materialkundiger Stoffhersteller, Couturier, Maler, Druckgrafiker, Bildwissenschaftler, Feng-Shui-Meister, Bühnenbauer, Werkstattleiter, Pionier der Grafik wendet Wolff seine Techniken gekonnt und perfektionistisch in erforschten Reihen an, geht nach vorne und zurück, gleicht unten aus und macht dann oben noch was dazu, hat durch viele Versuche sein Material und seine Medien gut kennen gelernt. Kommt ein Fehler durch sein Netz, dann nimmt er ihn mit offenen Armen auf, macht ihn schnell zum wichtigsten Teil seines Werkes und entwickelt gleich eine neue Technik für ihn, die im nächsten Arbeitsvorgang Schule machen wird.
 
Wie bei modernen Volksliedern - etwas, das es eigentlich gar nicht mehr gibt, aber Alexander Wolff macht - gibt es hier ein Nebeneinander von immer wieder neuen, einander austauschenden, sich selbst kopierenden und aneinander abreibenden, eins aufs andere abdruckenden Coverversionen, die hierarchielos, aber miteinander verbunden existieren und ihre Schönheit bereit stellen. Dabei wird die Frage, wer zuerst da war und wie man sich so messen kann, optimistisch zugunsten von Herstellungs- und Aktivierungsprozessen von Ideen und ihren Formen in den Hintergrund gestellt.

Denn jeder weiß, wie die Maserung einer MDF-Platte aussieht und die meisten haben auch schon mal Kartoffel- oder Möhrendruck gemacht, eine Münze unter ein Blatt Papier gelegt und ihre Oberfläche durchschraffiert. Obwohl Alexander Wolff ungeheuer Kompliziertes und Komplexes damit machen kann, scheint es hier aber nicht einzig darum zu gehen, diese Methoden und Techniken zu propagieren und auch nicht unbedingt darum - wie ein Nerd - aufzuzeigen, dass man sie besser beherrscht als alle anderen. Vielleicht aber ein wenig darum, mit großer Geste zu beweisen, dass es in der Kunst nicht darauf ankommen kann, wer nun einen passenden Deckel für ein gerade offen dastehendes Kunstwerk hat, um mit seiner neuen Version davon die alte ausstechen zu können. Vielleicht sind die Ideen ja eh alle da, vor unseren Fenstern und wie ernsthaft wir um sie werben, wie empathisch wir mit ihnen in Kontakt treten und wie mutig wir sie Gestalt werden lassen, darauf kommt es an.